"Rattenfänger"

Hrsg.: Bernd Rothe

 

BLITZ-Verlag

 

Sabine Dillner:

 

(nicht nur) für lange Winterabende

 

Gibt es etwas Besseres, als sich in der dunklen Jahreszeit, wenn der Wind im Schornstein heult und Regen gegen die Fensterscheiben prasselt, im Lieblingssessel einzurollen und schaurig-schöne Geschichten zu lesen - oder, noch besser, sich vorlesen zu lassen? Ein wunderbares Buch für eben diesen Zweck ist "Rattenfänger", herausgegeben von Bernd Rothe.

Die Anthologie enthält achtzehn Erzählungen von ebenso vielen Autoren; jede lehnt sich auf die eine oder andere Weise an die alte Legende vom Rattenfänger an. Da gibt es spannende Geschichten mit historischem Hintergrund, geheimnisvolle Märchen, erotische Fantasy, Horror vom Feinsten, rabenschwarze Storys, Humor, aber auch Nach-Denkens wertes und sogar Science-Fiction.

Wer Ratten liebt, sieht sich bestätigt; wer Ratten hasst, ebenso. Wer lange Geschichten mit überraschenden Wendungen mag, wird fündig. Wer sich gern, wenn er spätabends das Deckbett bis an die Nase zieht, vor dem Einschlafen noch genüsslichen Schauerträumen hingibt, hat hier nur die Qual der Wahl. Wer wenig Zeit hat und auf die Schnelle gut unterhalten werden will, schlage den "Rattenfänger" auf. Wer gut gemachte, aussagefähige und detailreiche Illustrationen zu schätzen weiß, wird begeistert sein. Kurz, hier findet jeder, was er sucht - vorausgesetzt, er hat Fantasie und Freude am Fabulieren. Und wer hätte das wohl nicht?

Ein rundum gelungenes, empfehlenswertes und in jeder Hinsicht schönes Buch - angefangen vom zauberhaften Cover bis zu den angefügten Hintergrundinformationen.

Und dass im Anhang Illustrator und Autoren (nicht zu vergessen, der Herausgeber!) in Wort und Bild vorgestellt werden, ist nicht nur informativ, sondern weckt auch Neugier auf mehr.

 

(c) by Sabine Dillner, Autorin

 

 

Peter Schünemann, Solar X:

 

Die alte Sage vom Rattenfänger ist im Anhang dieses Buches abgedruckt. Sie umfasst nicht einmal eine Seite. Rund 370 Seiten dagegen beanspruchen die 18 Geschichten, die das Thema variieren. Auf Einladung des Herausgebers Bernd Rothe, eines gebürtigen Hamelners, lieferten beim BLITZ-Verlag 18 AutorInnen, die in verschiedenen Bereichen des Phantastischen zu Hause sind, ihren Beitrag zu dem ewig jungen Stoff ab. Entstanden ist eine lesenswerte Anthologie, die bekannten und weniger bekannten Namen auf den Spuren einer der bekanntesten deutschen Sagengestalten folgt.

In der Tat bietet der kleine Ausgangstext viele verschiedene Ansatzpunkte für Phantasien und Phantastisches. Da sind erstens die menschlichen Protagonisten: der Rattenfänger, ein Spielmann, ein Outlaw, aber vielleicht auch der Teufel; das saturierte Bürgertum, das ihn um seinen Lohn betrügt; die Kinder dieser Bürger. Schon vor x Jahren lieferte der Liedermacher Hannes Wader seine Version des Geschehens, die den Rattenfänger entteufelt und die Karten neu mischt – einige der AutorInnen folgen dieser Lesart, am deutlichsten Stefanie Bense („Schattenschläger“, die Eingangsgeschichte) und Frank W. Haubold („Der Puppenmacher von Canburg“, immer wieder lesenswert, ein Highlight des Bandes). – Zweitens wäre da die Idee, es doch auch einmal aus der Perspektive der Ratten zu versuchen – am eindrucksvollsten gemeistert von Barbara Jung in „Die Königin und ihr Gardist“. – Drittens bietet das Wort „Rattenfänger“ in seiner übertragenen Bedeutung wundervolle Ansatzpunkte, für die Satire etwa; wer aber könnte die in einem solchen Forum besser meistern als Christian von Aster („Niederfrequenzmanipulation oder Des großen Rattenfänger Trick“)? Aber auch Christian Schönwetter liefert zu dieser Lesart eine gute Story ab („Die Rattenfänger sind in der Stadt!“). – Sodann haben wir natürlich das Thema des Betrugs und der darauf folgenden Rache (u. a. in Armin Rößlers SF-Geschichte „Der Verlorene“ umgesetzt). Hybriden Gestalten aus Ratte und Menschen entstehen in Alisha Biondas „Mephisto“, wobei auch das Teuflische und das Erotische zum Tragen kommen, oder in Dominik Irtenkaufs „Der Lichtfänger“, eine Geschichte, die in nahezu schwelgerischen Bildern ein hier oft präsentes weiteres Thema ausschmückt: das des Verfalls nicht nur einer Stadt, sondern auch der sozialen Bindungen zwischen den Menschen. Vielleicht ist dieses Motiv nicht das eigentliche Zentrum der ursprüng­lichen Rattenfänger-Sage, in der Anthologie jedoch rückt es in den Fokus vieler Erzählungen.

Blieben noch zwei besondere Beiträge zu erwähnen: Marc-Alastor E.-E.s dunkeldüstere Vampir-Novelle „Nicht ohne Wut, sei vom Lamm das Blut“, welche sprachlich exorbitant die Sage vom Bingener Mäuseturm mit der Hameln-Geschichte und dem Vampirmotiv verquickt, und Markus K. Korbs spannende Horror-Story „Rattenfänger GmbH“, die durch eine außergewöhnliche Hauptfigur und durch einen Showdown in dunklen Gängen überzeugt (Leser mit Ratten- und Klaustrophobie seien vor ihr dringlichst gewarnt).

Auch die übrigen, hier aus Platzgründen nicht genannten VerfasserInnen leisten durchaus Solides, so dass diese Anthologie insgesamt bestens unterhält. BLITZ-Stammillustrator Pat Hachfeld gibt jeder Geschichte per Titelblatt ein eigenes Gesicht; die Autoren zeigen Gesichter in der abschließenden Galerie. Gesamtprädikat: lohnenswert!

 

(c) by Peter Schünemann

 

 

Florian Hilleberg:

Die Sage vom Rattenfänger von Hameln gehört zu den bekanntesten deutschen Sagen und wird in der ganzen Welt erzählt und bestaunt.

In diesem Buch hat Bernd Rothe 18 Geschichten um den Rattenfänger zusammengetragen, die sich aber auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit der Sage auseinandersetzen.

Alisha Bionda und Marc Alastor E.-E. verbinden den Mythos mit Vampiren und schufen Kurzgeschichten mit einem düsteren, erotisch-morbiden Touch.

„Schattenschläger“, „Canard – Liebling“ und „Die Wege des Herrn...“ entführen den Leser in gekonnter Weise zurück ins Mittelalter zu Pest und Lepra.

Die Storys von Barbara Jung und Dirk Taeger erzählen sogar aus der Sicht der Ratten die Geschichte um den Rattenfänger und selbst eine Science-Fiction Variante fehlt in dieser Sammlung ebenso wenig, wie gruselige und märchenhafte Erzählungen.

Dabei wird die Rattenfängersage auch durchaus als Metapher interpretiert und der Rattenfänger schon mal zu einem gewieften Konzernchef, der eine Marktlücke für Ohropax entdeckt hat.

Was diese Anthologie auszeichnet ist ihre Vielfalt und der hohe Abwechslungsreichtum der einzelnen Geschichten, sowohl in Schrift und Stil, als auch im Handlungsaufbau. Einziger Nachteil ist, dass es dabei natürlich immer Erzählungen gibt, die einem nicht so zusagen

Eingeleitet wird das Buch von einem Vorwort des Herausgebers, welcher selbst gebürtiger Hamelner ist und von jeher von der Rattenfängersage fasziniert war.

Ein Nachwort über die Stadtgeschichte Hamelns und ein historischer Abriss der Rattenfängersage, sowie Veranstaltungstipps in Hameln vervollständigen das Buch. Darüber hinaus gibt es zu jedem Autor Informationen und Internetadressen, wobei leider nur Veruka Aniko fehlt.

Nicht vergessen werden darf natürlich Pat Hachfeld, der sich die Mühe gemacht hat, alle (!) Kurzgeschichten mit einer innovativen Titelillustration zu versehen. Auch hier sind die einzelnen Werke sehr unterschiedlich ausgefallen: Von der Karikatur, über kindlich naive Darstellungen bis hin zu melancholisch anmutenden Zeichnungen reicht die Palette.

 

(c) by Florian Hilleberglche

 

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